Deutscher Qualitätsjournalismus und Hexenjagd

Die ehemalige Nachrichtensendung Monitor (ARD) zeigte am 18.10.2012 dem unbedarften Zuschauer einen durch die Bank unsachlichen und unseriös erarbeiteten Bericht über vermeintliche Dekowaffen, der beweisen sollte, dass quasi jeder Laie der eine Feile oder eine Bohrmaschine besitzt mit wenigen Handgriffen aus einem demilitarisierten MG42 eine funktionstüchtige Feuerwaffe herstellen kann (wo die Munition dafür herkommt ist ein weiteres Mysterium).

Zu den Fakten:
2003 wurde der sogenannte Anscheinsparagraph gekippt und seither ist es Sportschützen möglich Halbautomaten zu kaufen die aussehen wie Kriegswaffen (hier gilt der gleiche Grundsatz wie bei Menschen: es kommt nicht auf das Aussehen an, sondern auf die Funktion), das bedeutet: irgendwo wurde schriftlich festgehalten, dass Kriegswaffen von irgendetwas ausgenommen sind und ich verwette meine Eier darauf, dass genau diese Passage falsch interpretiert und Fälschlicherweise in die Bestimmungen zur Unbrauchbarmachung von Feuerwaffen zur weiteren Verwendung als Dekorationswaffe eingearbeitet wurde, ohne dass sich jemand darüber im Klaren war, was dann geschehen kann. Es ist ein offenes Geheimnis, dass man auf Ämtern gerne Texte „übersieht“ oder überhaupt nicht liest und dann einfach mal auf gut Glück oder aufgrund von Hörensagen irgendwelche Entscheidunden trifft, selbst die Polizei kennt sich nicht mit dem Waffenrecht aus, weil sie hoffnungslos überlastet ist. HIER wäre tatsächlich ein Problem festzustellen das einfach und schnell behoben werden kann: Klar und deutlich in der Öffentlichkeit wiederholen, dass es stafbar ist Dekowaffen mit so einer nur scheinbar vorhandenen Unbrauchbarmachung zu verkaufen und die vorhandenen Stücke entweder richtig bearbeiten oder einziehen – so kann der Staat in der Tat mehr Sicherheit schaffen und Straftätern/Extremisten das Handwerk legen ohne dafür die Sportschützen/Jäger als Sündenbock abzustrafen. Hier sind die Bestimmungen zur Demilitarisierung von Feuerwaffen zu lesen, es gibt keine anderen und diese haben zu 100% eingehalten zu werden: http://www.visier.de/bilder/pdf/RundschreibenBMWA_01.pdf

die Passage die ich meine ist folgende:

„Im Grundsatz müssen künftig alle Kriegswaffen der Nr. 29 KWL unbrauchbar gemacht werden, wobei
im Kern die bisherigen Anforderungen an die Unbrauchbarmachung von vollautomatischen Kriegswaffen
der Nr. 29 KWL* bestehen bleiben.
Hinzu kommt, dass eine Kriegswaffe nur als Dekorationswaffe (Dekowaffe) durch Personen / Firmen
unbrauchbar gemacht werden kann, die im Besitz einer gewerblichen Waffenherstellungserlaubnis sind.
Das Firmenzeichen muss immer sichtbar auf der Waffe „eingeschlagen“ werden.
Alle Hauptteile der künftigen Dekowaffen, nämlich
– Rohr
– Verschlussträger
– Verschlusskopf
– Griffstück und
– Waffengehäuse
müssen mit einer einheitlichen (Waffen-)Nummer versehen werden.“ Habe ich mich da verlesen oder gibt es 2 verschiedene Gesetze für die gleiche Sache?

*Nr. 29 KWL:
„Luftgekühlte Maschinengewehre (MG) der Nr. 29 a) KWL sind vollautomatische Waffen mit einem Kaliber
unter Kal. 20 mm (ab 20 mm Nr. 32 KWL). Wassergekühlte Maschinengewehre sind keine
Kriegswaffen, sondern verbotene Waffen nach Anlage 2 WaffG.
Nr. 29 a)
Bei vollautomatischen Kriegswaffen der Nr. 29 a – c) KWL können mit einer Betätigung des Abzugs
entsprechend dem Munitionsvorrat an der Schusswaffe mehrere Schüsse aus demselben Rohr (Feuerstoß,
Dauerfeuer) abgegeben werden.
Maschinenpistolen der Nr. 29 b) KWL sind stets Kriegswaffen. Pistolen mit Reihenfeuer (vollautomatische
Pistolen, wie z.B. Glock 18) sind keine Kriegswaffen. Sie fallen unter den Verbotstatbestand der
Anlage 2 zum WaffG Textziffer 1.2.1.
Nr. 29 b)
Vollautomatische Gewehre der Nr. 29 c) KWL sind stets Kriegswaffen; hiervon ausgenommen sind
vollautomatische Gewehre im Kal. .22 l.f.B. oder mit Schrotpatronen.“

Technisch ist es auch bei den Dekowaffen aus dem Bericht für Laien absolut unmöglich eine funktionstüchtige Waffe zu konstruieren, da für einen solchen Zweck Lauf und Verschluss, eventuell auch noch andere Bauteile benötigt werden, auf die nichtmal Waffenbesitzkarteninhaber Zugriff bekommen, da diese Teile für vollautomatische Waffen bestimmt und somit in Deutschland für Zivilpersonen illegal sind (es sei denn sie besitzen eine kulturhistorisch bedeutsame Sammlung, von diesen Menschen gibt es in Deutschland vermutlich keine 20 und die werden sich hüten auch nur eine leere Patronenhülse an irgendwelche braunen Strolche abzugeben). Wer also eine dieser Dekowaffen wieder funktionsfähig machen will, benötigt illegale Teile die nur auf dem Schwarzmarkt zu bekommen sind – wenn man sich eh schon in solchen Kreisen bewegt, warum dann noch den rückverfolgbaren Kauf beim Händler riskieren – das macht keinen Sinn.

Ich bin seit 18 Jahren Industriemechaniker Fachrichtung Geräte- und Feinwerktechnik und es wäre mir ohne Härteofen und CNC-Bearbeitungszentrum nicht möglich einen zugeschweißten Lauf aufzubohren, wenn er noch die vorgeschriebenen seitlichen Bohrungen hat, ist es unmöglich wieder damit zu schießen, mal ganz davon abgesehen, dass die Züge zerstört sind und man für den ganzen Bearbeitungsvorgang Spezialwerkzeug benötigt das man ebenfalls niemals bekommt wenn man keine Lizenz dafür besitzt. Von der ganzen Sache mal abgesehen, wurde wieder Waffenschein und Waffenbesitzkarte verwechselt, auch hier die Info für Laien: ein Waffenschein berechtigt zum Führen einer schussbereiten Feuerwaffe außerhalb des eigenen Grundstücks, eine Waffenbesitzkarte hingegen berechtigt nur zum Besitz und Transport einer oder mehrerer Feuerwaffen vom eigenen Grundstück zur Schießbahn, zu Wettkämpfen oder zur Büchsenmacherwerkstatt, die Feuerwaffe hat in diesem Fall entladen und getrennt von Munition in einem verschlossenen Behälter transportiert zu werden. Kein Sportschütze/Jäger bekommt für sein Hobby/seinen Beruf einen Waffenschein, wer anderes behauptet lügt. Es gibt vermutlich keine 300 Privatpersonen in Deutschland die einen Waffenschein haben.
Der Bericht ist in höchstem Maße unsachlich und vermittelt dem ahnungslosen Zuschauer den Eindruck, dass in Zukunft schwer bewaffnete Nazibanden durch das Land ziehen – seriöser Journalismus geht anders. Setzen, 6!

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